// von Boris Pfeiffer //
Klar, die Stadt verschluckt andauernd ein Leben
und es gibt mehr als einen mit zu weit offenem Hemd,
Bauch, langen Fingernägeln, schlechter Laune, der
für so gut wie alle am Verkommen ist, gerade weil
er immer von seinen Romanen erzählt, von Gordon,
dem Kanonensohn, von den Tjelk und den Bargs,
von Kindern in einer kaputten Londoner Gegend,
die aber keiner, nie im Leben, unterkriegen wird.
Als ich ihn kennenlernte, hielt er sich noch an den
Namen seiner Mutter, die er bewunderte, weil sie
fließend Englisch sprach und weil sie es mit seinem
Vater aushielt, den er für kaum mehr als einen Tyrannen
hielt. Das Bild seines Vaters, das er mir schilderte,
war das eines humpelnden, nahezu einbeinigen, harten
großen Mannes, der in einem finsteren Zimmer in
einem riesigen Gebäude des Roten Kreuzes arbeitete
und dort Almosen an Bedürftige ausgab, getrieben von
Willkür und Machtbewusstsein. Dessen Tod war
meinem Freund eine Erleichterung. Er zog aus,
er lebte alleine, er ging dann und wann für seine
Mutter einkaufen, er fuhr sie, sobald er ein Auto
besaß, und er fuhr alle anderen bald darauf wie seine
Mutter, nachdem er sich ein Taxi zugelegt hatte.
Er beschimpfte die Welt hinter den Scheiben.
Er begann unter seinem Pseudonym zu leben, dem
Namen, den er sich vom Vorbild des Robinson
entlieh, seinem nom de guerre, wie er mir zu
verstehen gab. Er wurde Mister Selkirk. Ein
Herr der langen Fingernägel, einer stinkenden
Toilette, viel Fleisch und niemals Gemüse,
Tabak en masse und Träumen von Frauen,
die fickten wie ein Nerz, wie es ihm die Buchstaben
ungehemmt erlaubten. Seine Heimatstadt aber,
der nach dem Mauerfall ungehobelter werdende
Verkehr, machten ihm zu schaffen. Sein Haar wurde
länger und dünner, die Knöpfe seiner Hemden sprangen
davon. Er nahm keinen Alkohol zu sich, wohl aber
tafelweise Schokolade, kiloweise Schwein, tonnenweise
Nikotin. Wer seine Bücher las, liebte sie, achtete sie,
nahm ihren Sinn auf in den wohlgebauten Architekturen.
Dass er nie schreiben gelernt hatte, Legastheniker war,
wie es im Schulzeugnis hieß, konnte die ersten
Begegnungen mit seinen Büchern ohne Zweifel
schlangenbissig machen und die Leser selbst
giftzähnig fluchen lassen, wenn sie sich durch Fehler
um Fehler kämpften bis zur vorzeitigen Aufgabe.
Robinson auf einer einsamen Insel. – Nimm an, was ist.
Ich werde, sagte Selkirk oft, mit klarem Geist von dieser Erde
scheiden. Vermutlich ist ihm dies gelungen, da ihn die von
einer Nachbarin angerufene Polizei leblos in seiner Wohnung
fand, unmittelbar nach einer Wirbelsäulenoperation, laut ihm
selbst verursacht von Bürostühlen, dem Fahrersitz im Taxi
und zu vielen Arztbesuchen, Steuerschulden und
Amtskorrespondenz. – Die Geschichten, wie vergebliche
Liebe, Freundschaft zu Schriftstellern, eine Auszahlung aus
seinem ungeliebten Beruf in einem Kontor (wie er es gerne
genannt haben dürfte) und dem Jahre später doch erfolgten
Untergang, hätte er niemals so direkt niedergeschrieben.
Die einsame Insel, das Meer, der Krieg, die Feindschaft,
die Sehnsucht nach Liebe muss reichen.
bp 27.06.2026
// Der Verlag Akademie der Abenteuerwurde Ende 2020 gegründet. Hier fanden zunächst Kinderbücher ein neues Zuhause, die sonst aus dem Buchhandel verschwunden wären. Dies ermöglicht den Autorinnen und Autoren ihre Bücher auch weiterhin bei Lesungen vorzustellen und ihre Backlist zu pflegen. Irene Margil und Andreas Schlüter seien hier beispielgebend herzlich genannt. Schritt für Schritt kamen dann Neuveröffentlichungen hinzu. Seitdem sind über 80 Bücher von mehr als 20 Autorinnen und Autoren aus vielen Teilen der Welt erschienen – zweimal hochgelobt von Elke Heidenreich, einmal in den Musenblättern zum Buch des Jahres gekürt. Alle Bücher des Verlags lassen sich finden im Überblick. //
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