Glossen – Dichtung als Randnotizen

von Maria Giovanna Tassinari

Vom XI. bis zum XIII. Jahrhundert waren die ersten Dichter in Italien Richter und Notare. Sie schrieben Akten, notierten An- und Verkäufe, interpretierten das Recht, fällten Urteile und hielten diese in großen Büchern fest.

In Bologna, an der ältesten Universität Europas, war die Tradition der glosse oder auch chiose, dank Irnerius, einem der wichtigsten Rechtsgelehrten, der dort unterrichtete, sehr angesehen. Glosse waren Randnotizen, in denen Gelehrte das Justinianische Recht interpretierten und erklärten.

Die Tradition erzählt, dass gelangweilte Notare am Rande der Urkunden Verse schrieben. Zuerst Rätselverse, dann Dichtungen. Diese waren in volgare verfasst, der damaligen Volkssprache, von denen eine, das fiorentino, dank Dante später zum Italienisch wurde.

Im Bologna des XIII. Jahrhunderts lebte ein Rechtsgelehrter und Richter, Guido Guinizelli. Seine Familie war politisch engagiert auf der Seite der ghibellini, Befürworter der kaiserlichen, weltlichen Autorität. Er hatte eine Frau und einen Sohn. Guido saß in seinem Studio, einem hohen Zimmer in einem alten Gebäude aus rotem Stein, und arbeitete. Unterhalb seines Fensters, in den portici (den Bolognesischen Arkaden) gingen Menschen entlang, unterhielten sich, schlossen Geschäfte ab.

Wenn Guido sich langweilte, ging sein Blick zu den Randnotizen auf seinen juristischen Quellen und er las den einen oder anderen Vers. Eines Tages stach ihm am Rande eines Urteils, das er gerade bearbeitete, ein breiter leerer Rand ins Auge. Er fing an, selbst zu schreiben. Ein Wort nach dem anderen.

Es wurden die schönsten Gedichte, die ersten der Schule des dolce stil novo. Selbst Dante nennt Guido „padre“, Vater, seinen und den der anderen Dichter, die „rime d’amor usar dolci e leggiadre”, anmutige und süße Liebesreime schrieben (Purgatorio, XXVI, 99).

Nachdem Guido das erste Gedicht geschrieben hatte, wendete er sich wieder dem Urteil zu und fertigte es an. Er steckte es in eine Ledermappe und übergab es dem Jungen, der es zum Gericht bringen sollte. Er selbst machte sich auf den Weg nach Hause. Der Junge eilte zum Gericht. Guidos Worte entstiegen der Ledermappe und zogen hinaus in die milde Luft. Randnotizen.

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