Einsame Frau

von Boris Pfeiffer

Sie hat alle Zigaretten geraucht und das Bier getrunken.

Sie steckt die leere Schachtel ins Glas und räumt zusammen.

Sie schüttelt den Kopf, hängt sich ihren Rucksack um, steht auf

und geht an die Bar, um zu bezahlen. Sie stolpert.

Der Abend liegt golden und schwer über den Tischen,

dem Gras, dem Stück Landschaft am Stadtrand.

Es sind keine Stimmen zu hören außer denen von der Frau

und dem Mann, die an der Bar arbeiten.

Sie werfen sich Scherzworte zu. Das gebleichte Haar

der Frau mit dem Rucksack liegt schwer auf ihren Schultern.

Ihre Sonnenbrille ist dunkel und man sieht ihre Augen nicht.

Das Licht blendet sie. Seit langer Zeit blendet es sie.

Sie hat gezahlt und geht über die Straße davon.

An ihrem linken Ellbogen hängt ihre rote Coronamaske.

Sie zieht die Träger ihres Kleides hoch und geht weiter auf

der Straße. Sie will nicht auf den Bürgersteig.

Ein Auto kommt hinter ihr an. Sie betritt jetzt doch

den Bürgersteig, schiebt die Maske am Arm in die Höhe

und geht weiter. Das Licht liegt auf ihrem Haar. Es ist

silbern. Während sie fort geht, wird es grauer und grauer.

Boris Pfeiffer ist einer der meistgelesenen Kinderbuchautoren Deutschlands und Gründer des Verlags Akademie der Abenteuer. Zuletzt erschien dort zusammen mit der in Australien lebenden Malerin Michèle Meister der Gedicht- und Bildband für Erwachsene Lockdown – ein C-Movie. Ende September 2021 erscheint bei Harper & Collins der erste Band seiner neuen Kinderbuchreihe SURVIVORS, Anfang 2022 in Zusammenarbeit mit Michèle Meister sein neuer Gedichtband: „Die Gravitation der Liebe“.

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