// von Boris Pfeiffer //
Immer wieder in diesen Straßen,
in denen ich meine Kindheit verbrachte,
überfällt mich der Schmerz;
die Farben der Hausmauern
ein tiefes Klinkerrot,
und die expressionistischen Steinsetzungen
in Ecken, Vorsprüngen,
einzeln herausragenden Steinen,
in deren Mustern sich
Schatten fangen,
Schatten und Erinnerungen,
schneiden scharf in meine Seele,
dieser erste Anblick des Lebens,
den ich mit der Atmosphäre
dieser Straßen verbinde,
mit zermatschen Kastanien
auf dem Asphalt,
wo die Autos parken,
mit Feuchtigkeiten im Gestein,
mit genügend Himmel,
um zu wissen, wo ich bin;
mit verschlossenen Türen
in den Hauseingängen,
manche gemustert,
mache mit Gittern davor,
manche so tief in den Häusern liegend,
als wollten sie nicht betreten werden,
mit verhangenen Fenstern,
mit Stoas, die man heute nicht mehr findet,
mit Namen von Menschen,
die nicht mehr sind,
manchmal mit einem Vogelschrei;
mit einer Reihe von Pappeln,
die aussieht wie eine Reihe von Zähnen,
von denen ein paar ausgeschlagen worden sind;
ein Schmerz, der nicht immer da war,
der irgendwann in mich eingetreten ist
wie ein Schnitt in die Magengrube,
nicht mit einem Messer, von einer Angst aber
versetzt, der ich nicht ausweichen kann;
wenn ich dort entlang gehe,
läuft wie zum Trost manchmal
einer der Hunde, die ausgeführt werden,
auf mich zu, Hunde haben mich schon
immer geliebt und ich sie;
der Blick in die Dächer
über den parzellierten Kleingärten
vermag mich zu trösten,
die Schilder „Betreten bei Schnee
und Glätte auf eigene Gefahr“
überlese ich, die Zäune nehme ich wahr,
manche von ihnen sind geschmückt
mit weißen Beeren, andere sind kahl
wie die verrosteten Fenster im Uniklinikum,
in dem die Zahnärzte studieren;
mit meinen Worten versuche ich
dem Schmerz auszuweichen,
lieber geselle ich mich den Spatzen zu,
zwitschernd im Geäst, nicht alleine;
die Glockenschläge der Kirche,
sie werden verklingen,
und darum bin ich froh,
denn den Spatzen höre ich lieber zu;
ich habe nie verstanden,
was die Hirtenstäbe bedeuten,
wer sollte der Hirte sein,
wenn nicht das Leben an sich, die Natur,
welcher Vorfahre sollte Macht ausüben
über sein Verweilen hinaus auf mich,
welcher Mensch auf Erden;
mein Freiheitsdrang, auch wenn nicht
von irgendeinem revolutionären Impetus erfüllt;
Angst und Einsamkeit gehen Hand in Hand,
dann ist es ein Feuer, dann schwimme ich
mich frei bis in die Wolken,
dann sehe ich nur die Hauseingänge an,
dann finde ich auf dem schmalen Grün
neben den geparkten Autos ein Gebetsarmband,
schwarze Perlen und drei aus Silbergitter,
ich nehme es auf, nehme es in die Hand,
lasse es durch die Finger gleiten;
für diesmal setze ich meinen Weg fort,
ich weiß nicht, ob der Schmerz, der hier
in mich schneidet, vergehen wird, wenn ich sterbe,
ich gehe davon aus, dass es so sein wird,
aber wer weiß es schon,
fröhlich stimmen mich die Strom- und Verteilerkästen
am Rande des Gehwegs,
sie sind alle bunt bemalt,
Kinderzeichnungen
auf dem Grünstreifen aufgerichtet.
© Boris Pfeiffer, 24.12.2024
// Der Verlag Akademie der Abenteuer wurde Ende 2020 gegründet. Hier fanden zunächst Kinderbücher ein neues Zuhause, die sonst aus dem Buchhandel verschwunden wären. Dies ermöglicht den Autorinnen und Autoren ihre Bücher auch weiterhin bei Lesungen vorzustellen und ihre Backlist zu pflegen. Schritt für Schritt kamen dann Neuveröffentlichungen hinzu. Seitdem sind über 50 Bücher von mehr als 20 Autorinnen und Autoren aus vielen Teilen der Welt erschienen – zweimal hochgelobt von Elke Heidenreich. Alle Bücher des Verlags lassen sich finden im Überblick.
Boris Pfeiffer ist einer der meistgelesenen Kinderbuchautoren Deutschlands. Er schrieb zum Beispiel die von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen als einzigartig gelobte historisch-fantastische Zeitreisensaga ‚Akademie der Abenteuer‘, wie auch über 100 Bände für die beliebte Kinderbuchreihe ‚Drei ??? Kids‘. Von ihm stammen ‚Celfie und die Unvollkommenen‘, ‚Die Unsichtbar-Affen oder ‚Das wilde Pack‘. Er ist der Gründer des Verlags Akademie der Abenteuer. Zuletzt erschienen dort von ihm zusammen mit der in Australien lebenden Malerin Michèle Meister die Gedicht- und Bildbände für Erwachsene „Nicht aus Adams Rippe“ und „Mitten im Leben“. Ausstellungen mit den Bildern und Gedichten finden zur Zeit in der Egon-Erwin-Kisch Bibliothek in Berlin und ab Februar 2025 in der Bibliothek Zeuthen statt. Band 3 und 4 entstehen zur Zeit. Von Kindern mit großer Aufmerksamkeit gelesen wird seine neue vierbändige Ozean-Geschichte SURVIVORS, die von einem Schwarm bunt zusammengewürfelter Fische erzählt, deren gemeinsames Ziel es ist, den Klimawandel zu überleben. Sein Roman „Feuer, Erde, Wasser, Sturm – Zum Überleben brauchst du alle Sinne“ wurde in der Süddeutschen Zeitung als eines der zehn besten Jugendbücher des Jahres 2023 gewählt. Er arbeitet an einem neuen Roman. //
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