Wirrungen Irrungen – Das irdische Leben ist nur ein Vorrat an Täuschungen – Letzteres

von Boris Pfeiffer

Nichts ist vielfältiger als die Meinungen, was das Leben sei und auch die Äußerungen, die einer darin tue. Hölderlin war verrückt, er war nicht verrückt, er war ein Vordenker der Nazidrachen, er war ein dichtender Quantenerleber, er war der erste 68er, ein genialer Schauspieler, ein Verfolgter, ein Aufständischer, ein Jakobiner, ein armer Wurm, er schrieb, was er sah, er schrieb nicht, was er sah, er schrieb was die Sprache in ihrer größten Dichtheit ihm vorgab, er war ein Dichter, er war kein Dichter, er war gar nicht, er ist noch immer. Letzteres denke ich auch.
Auch einfachen Sätzen kann das alles widerfahren. Nehmen wir den unscheinbarsten, täglichsten: „Ich liebe“ – und seien wir großzügig, erweitern wir ihn um das grammatikalische Objekt X, damit der Mensch, der ihn sagt, nicht ganz so alleine sei oder auch nur, um ihn grammatikalisch zu vervollständigen oder, wie es schon losgeht, um ihn wahr zu machen, denn dies sei ohne X gar nicht der Fall, nur ein Stammelnder riefe: ich liebe. Wobei es da auch noch nicht aufhört, denn in Wahrheit wahr sei der Satz mit X nur, wenn er auch von einem Y erwidert würde, wenn aus dem Satz mit X einer mit X und Y würde. Im Übrigen hätte wir X dabei als ungegendert anzunehmen, um es nicht mit den X-ern und X-innen zu tun zu bekommen, mit eben denen der Satz ja nun doch zu tun haben will, wenn auch nicht unbedingt auf die er-und-in-Art, und drum lassen wir Y ruhig noch einmal fallen, denn auch ohne es passiert das Unglück schon wieder. Und zwar gleich weitab der Gender und Antigender, sondern um derer Willen, die im nächsten eigenen Turm auf die Welt sehen, was einem jeden („Freiheit für Hölderin!“) ja auch ganz und gar gestattet sein muss, und bei denen es nun lautet: Sagt dieser Mensch er liebt, kann es nur bedeuten, er ist unstatthaft, kann mein und dein nicht unterscheiden, tobt da durch die Straßen und widerruft die Grenzen, auf die die Zivilisation gebaut ist, plant den Raub der Sabinerinnen. Fortgeblasen im Wald der Türme Sätze wie „deinen nächsten wie dich selbst“ und „die im Guten vorangehen, werden Gott zunächst stehen und in Lustgärten wandeln“. Und der Reichtum gerinnt zur Not im Jammertal. Niemand sage, er liebe, wenn er nicht bereit sei, dafür das Dogma zu erleiden. Und die ganze Kunst muss es sein, das Verwechseln der Interpretationen so sehr anzunehmen, dass der Dialog nicht zum Erliegen kommt und das Gespräch fortgeführt werden kann.


Und nur für dich: Je t’aime, mon amour …

Boris Pfeiffer ist einer der meistgelesenen Kinderbuchautoren Deutschlands und Gründer des Verlags Akademie der Abenteuer. Zuletzt erschien dort zusammen mit der in Australien lebenden Malerin Michèle Meister der Gedicht- und Bildband für Erwachsene Lockdown – ein C-Movie. Ende September 2021 erschien bei Harper & Collins der erste Band seiner neuen Kinderbuchreihe SURVIVORS.

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