Wette verloren

von Boris Pfeiffer

Die Verkäuferin im Reformhaus und ich haben eine Wette. Sie will zwei Kilo abnehmen und ich zehn. Beide haben wir uns in den letzten Monaten zu wenig bewegt. Ich bin bei neun Kilo angekommen und sie hat mir immer lachend erzählt, dass sie verlieren wird, weil ihr Mann abends immer die leckersten Sachen auftischt, als sie eine Tages bleich und dünn vor mir steht. Sie sieht traurig aus, das Gesicht rot vom Weinen. „Sie haben gewonnen“, sage ich beim Bezahlen. Sie sieht mich an, sie ist immer offen und fürchtet keine direkten Worte. Sie hat das Herz auf dem rechten Fleck, wie man so sagt. „Ja, aber aus einem anderen Grund“, sagt sie . „Ja, Sie sehen traurig aus“, antworte ich ihr.
„Man sieht mir das immer gleich an.“ Sie kann heute nicht lächeln, sie lacht sonst gern. Sie will mich auch nicht mit ihrem Leid anstecken und behält die Gründe für sich. Sie schenkt mir eine Probe Mariendisteltropfen. Ich sage ihr, dass ich ihr alles, alles Gute wünsche. Als ich hereingekommen bin, hat sie gerade mit einer Freundin oder Verwandten telefoniert und dann aufgelegt wegen der Kundschaft. Ich hoffe, sie hat gute Menschen zum Sprechen. Sie hat vorhin am Telefon gesagt: „Ich muss jetzt, Kleene …“ Ich denke, sie hat sie.

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