Steampunk in Tegel – Berlin international

von Boris Pfeiffer

Gestern war mein Impftermin. Flughalle C, ehemaliger Flughafen Tegel. Das Gelände ist von der Stadt kommend abgesperrt. Ordner in Orange bewachen die Zufahrt. Auf Vorzeigen der schriftlichen Einladung darf man passieren. Außer den Ordnern ist alles verlassen. Zum ersten Mal darf man hier umsonst parken. Der Weg in die Halle ist mit Flatterband markiert. Erneutes Vorzeigen der Einladung, dann darf man rein. Viele türkische und arabische junge Männer als Ordner. Fast wie bei einem Fußballspiel. In der Halle ist eine riesige Kabinenlandschaft aufgebaut. Die Kabinen stehen in der Mitte, man geht außen rum. Gedämpftes Licht, als ginge man ins Kino oder Theater. Beruhigendes Licht. Alle sind superfreundlich, geschult. Stress soll genommen werden. In der Halle weitere Ordner in Orange. Jetzt kommt eine zweite Fraktion. Weiße Deutsche. Unheimlich viele Tattoos, Dreadlocks, graue lange Haare, punkige Faces, lila Haare, noch mehr Tattoos. Ohne die orangen Westen wären wir hier im SO36 und Umgebung. Auch hier Lächeln, Freundlichkeit. Kurz Platz nehmen auf einem Stuhl, dann weiter zum Schalter. Papiere vorzeigen. Witzige Situation. Hinter der Maske, die ich trage, kann der Mann am Schalter, diesmal wieder ein türkischer junger Mann, mein Gesicht natürlich nicht wirklich erkennen. Also stellt er Fragen nach Name, Geburtsdatum etc., sagt auch, er müsse prüfen, ob ich das wirklich sei. Die beste Frage leitet er so ein: Er nennt den Straßennamen der Straße, in der ich wohne und dann: „Die kommt mir irgendwie bekannt vor … Ist die nicht …“ Dann Schweigen. Ich erzähle ihm, wo die Straße liegt. Er nimmt den Faden auf und verlegt ihr nördliches Ende viel zu weit nach Norden. Ich korrigere ihn freundlich. Ich kann nicht sehen, was er auf dem Bildschirm vor sich hat, aber ich stelle mir vor, er checkt auf einer Berlinkarte die Straße. Oder kennt er die Straße wirklich und plaudert nur? Was für Methoden gäbe es noch, Leute hinter einer FFP2 Maske zu checken, ob sie sind, wer auf dem Ausweis steht? Da kann ich ein andermal drüber nachdenken. Als er nach meinem Beruf fragt und ich ihm sage, dass ich die drei ??? schreibe, bricht jeder Bann. Dann sind die Menschen oft wirklich nett. Von hier geht es weiter durch eine Glastür. Nächste Wartehalle. Super gedämpftes Licht, nahezu krematoriumsdunkel. Mann, wird man hier runtergedämpft. Weil keiner in der Halle ist, gehe ich durch sie hindurch in den nächsten Gang. Diesmal springt ein fröhlicher Afrikaner in oranger Weste auf mich zu und weist auf einen Ausgang zwischen weiteren Stellwänden: „Da geht’s ins Paradies!“ Er lacht. „Nee, so eilig hatte ich’s damit nicht“, rufe ich zurück. Später frage ich mich, ob man geimpft nicht doch irgendwie die Erde wieder als Paradies empfinden kann, als Garten Eden, der frei zu durchstreifen ist … Ob es das so gemeint hat? Dann Impfkabine. Empfang durch einen letzten Ordner, diesmal in Grün. Papiere-Check Nummer vier. Auch dieser Mann, diesmal mittelalter weißer Deutscher, grauhaarig, super freundlich. So kennt man Berlin echt nicht. Es ist fast schon spooky. Niemand raunzt dich an. Hat was von Soylent-Green-Einschläferung im Kino. Ob ich gestresst wäre, will er wissen. „Klar“, sage ich ihm, „man hat inzwischen so viel Zeug im Kopp“ „Ja“, sagt er, „das schwirrt …“ „Wenn ich nicht geimpft werden wollte“, meine ich zu ihm, „wäre ich nicht hier.“ Dann kommen zwei Ärzte. Mir wird verkündet, wie gut man sich doch kümmere – gleich zwei Ärzte für einen. „Sind Sie rechts- oder Linkshänder?“ Auf meine Antwort bekomme ich die Spritze in den anderen Arm. Ich denke, wenn es Science Fiction wäre, dann hätte in diesem Moment die Dramaturgie zugeschlagen: Mit dem Virus kriegen die Bösen nicht alle – mit der Angst und dem Impfstoff dann doch, erst da liegt die wahre Ausbeute. Später werde ich zu meiner Frau sagen: „Alles gut mit dem Impfen. Und du siehst cool aus mit deinen lila Ohren!“ Und sie, weil sie schnell ist in solchen Spielen: „Ich stehe auf deine Regenbogenfarbenaugen.“ Da passt es, dass wir Abends Luc Bessons „Three days to kill“ sehen, in dem Kevin Costner die Halluzinationen seines Heilmittels mit Wodka bekämpfen muss. Der Arzt will wissen, ob ich die Aufklärungsunterlagen gelesen habe. Ich sage: „Nein, das waren sechs Seiten, die waren mir zu lang. Ich muss das eh unterschreiben, wenn ich mich impfen lassen will.“ „Habe ich genauso gemacht“, sagt er. Tja … Ich bekomme die Spritze, ich bekomme einen Impfzettel, der Grauhaarige fotografiert sämtliche Dokumente mit einem Tablet. Dann raus aus der Kabine, lange Gänge zwischen Stellwänden, Beobachtungsraum, gedämpftes Licht, zehn Minuten warten, ob was passiert. Mir gegenüber sitzt eine wahnsinnig schöne junge Frau mit schwarzer Maske. Ich gebe mir Mühe, sie nicht allzu sehr zu bewundern. Dann haue ich ab. Später auf der Straße, wieder in meiner Gegend, kommt so ein Gefühl von – bin ich jetzt freier als vorher? Für einen Moment fühlt es sich so an. Das war das erste Mal im meinem Leben, dass es wirkte, als hätte Kreuzberg-Neukölln den Flughafen für sich erobert. Ich glaube, nur der Arzt kam irgendwo aus Wessiland.

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