Der Schattenboxer

von Boris Pfeiffer

Mein Neffe, nennen wir ihn Malik, will nicht länger zur Schule gehen. Er fühlt sich wohl vor dem Computer. Auf meine Frage, ob er nicht seine Freunde vermisse, meint er, sich unterhalten ginge auch gut am Computer. Seine Mutter findet diese Entwicklung bedenklich. Malik nicht. Er baut inzwischen auch kein Lego mehr, um damit zu spielen. Er stellt es lieber direkt nach dem Konstruieren ins Regal und sieht es sich an, wenn er den Blick vom Bildschirm hebt. Seine, selbstverständlich im ersten Coronajahr entstandene digitalangepasste innere und äußere Welt, bedeutet aber nicht, dass er aufgehört hätte, sich zu bewegen. Vor der ehemaligen Foto-Dia-Leinwand, auf der jetzt in der Familie via Laptop, Midikabel und Beamer die Welt ins Wohnzimmer geholt wird, steht er sofort auf, sobald Werbung kommt oder die Erwachsenen sich anscheinend nicht auf das Gezeigte konzentrieren und boxt gegen jedes auftauchende Gesicht in halb schattenboxerischer, halb auch sehr angriffslustiger Manier. Ich warte auf den ersten wahren Hieb und hoffe, dass er die Leinwand zerfetzt. Durch dieses Loch, stelle ich mir vor, würde die Welt, wie ich sie liebe, möglicherweise auch zu ihm zurückströmen.

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