Mit anderen Worten

von Maria Giovanna Tassinari

Menschen und Lügen: ein Thema, das mich schon lange beschäftigt.
Neulich habe ich einen Podcast gehört, in dem es um die Frage ging, warum Menschen so anfällig für Lügen sind. Die Publizistin Samira el Quassil gab eine Antwort, die mich überzeugte.
Zur Zeit sind wir ja von ‚Narrativen‘ regelrecht umzingelt. Narrative sind Geschichten, die erzählt werden, mit der Absicht, eine bestimmte Botschaft zu verbreiten, eine Botschaft, die wie eine Schleichwerbung, eine verdeckte Werbebotschaft, die Menschen von etwas überzeugen will, ihnen ein Produkt aufschwatzen oder eine Interpretation von Sachverhalten aufdrängen will.
Narrative sind oft gerade von Menschen verbreitet, die Macht haben, oder die Macht haben wollen, um anderen Menschen Angst einzuflößen, um sie zu manipulieren, um sie zu kontrollieren.
Aber wir Menschen brauchen Geschichten, wir leben in Geschichten. Geschichten sind das Salz des Lebens, das, was einer Reihe von Ereignissen und Handlungen Sinn gibt.
Die Humanwissenschaften, Psychologie, Literaturwissenschaft bestätigen uns das.

Was ist der Unterschied zwischen einer Geschichte und einem Narrativ?

Das erklärt in wenigen Worten Samira el Quassil. Geschichte ist das, was passiert. Erzählung ist das Wiedergeben einer Geschichte. Narrativ ist die Botschaft, die dadurch aufgedrängt wird.
Der Weg von einer Geschichte zu einem Narrativ ist mit Stolpersteinen versehen. Absichten, Lügen, auch Selbstlügen, Manipulationen können sich darin einnisten.

So stehen wir manchmal da und können nicht mehr zurückverfolgen, wo sich etwas eingenistet hat. Und weil Geschichten so lebensnotwendig sind absorbieren wir mit Narrativen das Gift der Lügen.


Der Podcast

https://www.deutschlandfunk.de/publizistin-samira-el-ouassil-ueber-narrative-in-geschichte-und-gegenwart-dlf-a576f1cd-100.html


Zwei Lektüre-Empfehlungen:

Peter Brooks, Reading for the plot: Design and intention in narrative. Harward University Press, 1992

Harald Weinrich, Linguistik der Lüge. Beck, 2016 (erste Auflage Schneider, 1966)

Maria Giovanna Tassinari leitet das Selbstlernzentrum am Sprachenzentrum der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsinteressen sind Autonomie von Lernenden und Lehrenden, Sprachlernberatung, Emotionen und Gefühle in Fremdsprachenlern- und lehrprozesse sowie in Beratungsprozessen. Sie ist im wissenschaftlichen Board des Research Institute for Autonomy in Language Education, sowie Mitglied von Learner Autonomy Special Interest Group vom IATEFL und Autonomy Focus Group von Cercles.
Neben ihren wissenschaftlichen Publikationen hat sie auch einen privaten Blog.

https://www.sprachenzentrum.fu-berlin.de/slz/index.html
https://lasig.iatefl.org/
https://kuis.kandagaigo.ac.jp/rilae/
https://bloggiovi.wordpress.com/

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