Frida Kahlo

von Erwin Grosche

Ist es nicht ein Wunder, dass manche Menschen genauso sind, wie man sie sich vorgestellt hat? Warum ist Frieda Kahlo genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe? Warum ist sie nicht anders und wirkt auf mich wie Heidi Klum, die übrigens auch so ist, wie ich sie mir vorgestellt habe? Die Idee, sie mit dem Gitarristen von Tokio Hotel zusammen zu bringen, war vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen, aber manchmal muss man mit seinen Ideen Grenzen überspringen, sonst merkt keiner, dass man es nicht ernst gemeint hat. Bei Frieda Kahlo gab sich meine Vorstellungskraft mehr Mühe und versuchte sich einen Menschen vorzustellen, der wirklich nur so hat gewesen sein können. Frieda Kahlo sieht ja nicht nur aus, wie man sich Frieda Kahlo vorgestellt hat, sondern auch ihr Leben verlief genau so, wie ich es immer von Frieda Kahlo erwartet habe. Ich hätte ihre Biografie schreiben können, ohne vorher was von ihrem wahren Leben gehört zu haben. Ich bin auch über Greta Thunberg erstaunt, wie sie meinen Vorstellungen gleicht und bin total stolz auf das Ergebnis. Wussten sie, dass ich mir moderne Kunst genauso vorstelle, wie sie ist, obwohl ich mich in der modernen Kunst gar nicht so auskenne? Alle meine Mathelehrer waren auch so, wie ich mir Mathelehrer immer vorgestellt habe. Weder meine Mutter noch ich waren überrascht, dass ich mit der Mathematik nichts am Hut habe. Ich bin auch nicht überrascht, dass Ben Becker so ist, wie ich ihn mir immer vorgestellt habe. Er hat sich ja sogar ein Tattoo auf die Unterlippe machen lassen, und es ist genau dort, wo ich es befürchtet habe. Besonders schockierend finde ich, dass Ben Becker nur so ist, wie ich ihn mir vorgestellt habe, weil er glaubt, dass man so sein müsste, wenn man ihn sich vorstellen würde. Ich stelle mir also das vor, was er sich vorstellt. Das ist schon anstrengend. Kann es sein, dass sich das Leben nach unseren Vorstellungen verhält und sogar dementsprechend ändert? Ist das Leben ein Chamäleon? Warum ist die Welt so, wie ich sie mir vorgestellt habe? Liege ich in Wirklichkeit in einem Krankenhausbett und mein Leben wird nur noch durch Schläuche erhalten? Liege ich dort und denke mir das alles nur aus? Sagt da plötzlich einer, der meine Hand hält „Ich glaube, er kommt zu sich“ und ich flüstere: „Bitte nicht. Bitte nicht.“?

Der Autor, Schauspieler, Kabarettist und – nicht zu vergessen ! – Paderborner Erwin Grosche, in jedem seiner Fächer ein herz- und kopferreichender Meister, veröffentlicht im Verlag Akademie der Abenteuer als nächtes Buch den Gedichtband „Das ist nicht so, das ist ganz anders“. Die umwerfenden farbigen Holzschnitte dazu stammen von Hans Christian Rüngeler.

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