Die Scherzbrille

von Erwin Grosche

Das Pupskissen war schon eine große Enttäuschung, aber die sogenannte Röntgenbrille schlug dem Fass den Boden aus. Man pries sie als Brille an, mit der man Menschen durchleuchten konnte. Auf der Illustration in dem Scherzartikelprospekt war eine Frau zu sehen, unter deren Kleid ihre Umrisse zu erkennen waren. Sollte es einen gnädigen Gott geben, der sein Amen zu einer Erfindung gegeben hatte, die uns Kindern einen Einblick in die Geheimnisse einer Frau geben wollte? Mir schien die Brille genau dafür gemacht, um den kürzesten Weg in die Hölle zu finden. Ich war in einem Internat aufgewachsen und meine Kenntnisse über die Anziehungskraft von Mann und Frau waren rein theoretischer Natur. Es war nicht einfach zu ertragen, dass die Liebe auch mit einem Begehren verbunden war. Das Glück schien abhängig zu sein von der Eroberung und der Gegenliebe eines anderen Menschen. Sollte diese Brille eine Hilfe sein mit dem unbekannten Objekt umgehen zu können oder nutzte sie einfach nur Unwissenheit und Triebhaftigkeit von uns Naivlingen aus? Die Brille hatte eine Spirale auf beiden Sichtfenstern  aufgedruckt, die auslief in einem Loch, dass alles, was sonst im Verborgenen lag ans Tageslicht bringen konnte. Wahrscheinlich konnte man mit der Brille auch seinen Zahnarzt nackt sehen, aber wer wollte das? Leider war es ein wenig peinlich die Brille zu tragen, weil sie genau so aussah wie eine Erfindung, mit der man alle Frauen nackt sehen konnte. Wer wollte sich diese Blöße geben? Es war ja nicht die wissenschaftliche Neugierde, die uns trieb. Nach langem Nachdenken habe ich von der Bestellung der Brille abgesehen, auch weil es sie erst mit 18 Jahren zu erwerben gab. Heute denke ich gerne an die Zeit zurück. Wie aufregend es war sich vorzustellen, dass man mit dieser Brille durch die Westernstraße laufen würde und wahrscheinlich schon beim Rathaus wahnsinnig geworden war. Was gebe ich dafür noch einmal diese kopflose Sehnsucht zu spüren. Ich denke, die Hölle ist voll mit Leuten, die sich diese Brille bestellt haben und einen Raum weiter sitzen die, die anderen ein Pupskissen unterschieben wollten.

Der Autor, Schauspieler, Kabarettist und – nicht zu vergessen ! – Paderborner Erwin Grosche, in jedem seiner Fächer ein herz- und kopferreichender Meister, veröffentlicht im Verlag Akademie der Abenteuer als nächtes Buch den Gedichtband „Das ist nicht so, das ist ganz anders“. Die umwerfenden farbigen Holzschnitte dazu stammen von Hans Christian Rüngeler.

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