BAUARBEITERBLICKE, ABSCHÄTZIGE

von Erwin Grosche

Er kam sich selbst fremd vor, als würde er sich erst kurz kennen und könnte sich noch nicht richtig einschätzen. Um sich besser kennenlernen zu können, hätte er eine Spur aus sich herausgehen müssen. Traute er sich das zu? Vielleicht wäre der Balkon der richtige Ort gewesen um aus sich heraus zu gehen. „Nein, nein“, sagte seine zweite Frau. „Du kannst überall aus Dir herausgehen, aber nicht auf dem Balkon, da schauen die Bauarbeiter dir zu.“ Also wenn Bauarbeiter für etwas kein Verständnis haben, dann ist es, wenn man aus sich herausgehen möchte und das auf dem Balkon. „Wie kann man nur so aus sich herausgehen“, sagen sie dann. Bauarbeiter finden schon ein übertriebenes Gurgeln beim Zähneputzen für ein zu angeberisches Aus-sich-herausgehen. Fahren mit dem Porsche mit dreißig km/h durch die Spielstraße, finden sie auch augenverdrehenswert. Bauarbeiter würden auch beim gendern den Kopf schütteln und stellen sich unter einem Bademeister immer etwas anderes vor als unter einer Bademeisterin, kriegen aber beide Geschlechter nur mit dem einen Begriff vom Bademeister unter einen Hut. Also Bademeister sagen und an Bademeisterin denken. Man kann aber vieles von dem was ein Bauarbeiter sagt in der Pfeife rauchen, wenn er es zu Hause sagt und seine Frau dabei ist.

Der Autor, Schauspieler, Kabarettist und – nicht zu vergessen ! – Paderborner Erwin Grosche, in jedem seiner Fächer ein herz- und kopferreichender Meister, veröffentlicht im Verlag Akademie der Abenteuer als nächtes Buch den Gedichtband „Das ist nicht so, das ist ganz anders“. Die umwerfenden farbigen Holzschnitte dazu stammen von Hans Christian Rüngeler.

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