Am Meer

von Maria Giovanna Tassinari

Um die Mittagszeit leert sich der Strand. Die Familien sammeln ihre Sachen und gehen nach Hause mittagessen.
Im Wasser nur noch wenige Menschen. Wir schwimmen Richtung Strand. Uns entgegen springen zwei Mädchen vom Strand ins Wasser, vielleicht 8-9 Jahre alt, ihre langen Haare zu Pferdeschwänzen gebunden, bunte Bikinis, rosa Schwimmbrillen, und tauchen. Sie spielen Meerjungfrauen. Kaum sind sie da, kommt ihre Mutter angelaufen, eine hochschwangere Frau, und ruft sie zum Essen: „Venite a mangiare! Vi avevo detto di non andare in acqua! Kommt essen! Ich hatte euch sowieso gesagt, nicht ins Wasser zu gehen!“ Die Mädchen sind schon weiter geschwommen, haben zwei Jungen erreicht, die bereits im Wasser spielen, und plantschen und spielen mit ihnen weiter. „Venite a mangiare!“, ruft die Mutter erneut, lauter diesmal, „Tutti! Altrimenti, mangio tutto io! Kommt essen! Alle! Sonst esse ich alles auf!“ Alle vier, die zwei Mädchen und die beiden Jungen, spielen und schnattern ungestört weiter. Die Mutter hebt ihr weißes Spitzenkleid bis zum Oberschenkel und geht ein paar Schritte ins Wasser. Jetzt könnte sie sauer werden. Stattdessen schaut sie sich die Mädchen an und sagt laut: „Guardale lì, che anatre, qua qua qua! Che anatre che siete, qua qua qua… Schau sich einer mal diese Enten an! Quack Quack Quack! Ihr seid richtig kleine Enten, Quack Quack Quack!“  Und fügt hinzu: „Fuori subito dall’acqua, qua qua qua…! Raus aus dem Wasser sofort, Quack Quack Quack!“. Die Kinder spielen weiter. Lauter ruft die Mutter diesmal: „Se non venite fuori subito, vi dò una sberla che il mondo vi si gira per tre giorni! Wenn ihr nicht sofort kommt, kriegt ihr eine Ohrfeige, dass die Welt sich drei Tage lang dreht“. Drei Männer, die gerade aus dem Wasser gehen, schauen die Frau bewundernd an. Die Mutter lächelt.
Eins nach dem anderen begeben sich die Kinder endlich, schwimmend und springend, Richtung Mutter. Sie lassen sich Zeit. Statt aus dem Wasser zu gehen, singen die Mädchen ein berühmtes Strandlied und tanzen dabei „… un movimento sexy, un movimento sexy… eine sexy Bewegung…“ Die Mutter droht: „Ve lo dò io, il movimento sexy! Ihr kriegt gleich von mir eine sexy Bewegung!“. Und macht sich auf in Richtung Strandbar. Aus dem Wasser beobachten wir sie, die Mutter und die vier Kinder hinterher, alle in einer Reihe. Quack Quack Quack.

Maria Giovanna Tassinari leitet das Selbstlernzentrum am Sprachenzentrum der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsinteressen sind Autonomie von Lernenden und Lehrenden, Sprachlernberatung, Emotionen und Gefühle in Fremdsprachenlern- und lehrprozesse sowie in Beratungsprozessen.
Sie ist im wissenschaftlichen Board des Research Institute for Autonomy in Language Education, sowie Mitglied von Learner Autonomy Special Interest Group vom IATEFL und Autonomy Focus Group von Cercles.
Neben ihren wissenschaftlichen Publikationen hat sie auch einen privaten Blog.

https://www.sprachenzentrum.fu-berlin.de/slz/index.html
https://lasig.iatefl.org/
https://kuis.kandagaigo.ac.jp/rilae/
https://bloggiovi.wordpress.com/

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