Uiguren

von Ingrid Widiarto

Er sah mich an, als sei ich nicht ganz bei Verstand und seine Augen schienen Funken zu sprühen. Hatte ich etwas Dummes gesagt? Nicht ganz meiner Schuld bewusst, ließ ich den Blick über mich ergehen, bis er mit großem Ernst antwortete: „Ich bin Uigure, nicht Chinese!“
Natürlich wusste ich, dass er Uigure war – deshalb hatten wir ihn ja eingeladen. Was ich hatte fragen wollen, war: Wie fühlt man sich, wenn man als Uigure auch gleichzeitig Chinese ist –laut Staatsangehörigkeit? Wenn man einem chinesischen Pass vorzeigen muss, obwohl man gar nicht Chinese sein mag? Viel wusste ich nicht über Xinjiang, aber dass es dort zu heftigen Unruhen zwischen Uiguren und Chinesen gekommen war, das wusste ich und ich wollte mehr erfahren.
Jetzt lösten sich die Funken in seinen Augen und wurden zu Worten. Sie wurden zu Geschichten, Erlebnissen, Ungeheuerlichkeiten. „Sie haben ihn erschossen!“, erzählte er. „Er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen – und Uigure. Ja, und den Jungen aus meiner Schule… er und seine Kameraden wurden verurteilt und hingerichtet, im Sommer 2009, ohne Beweise und ohne Zeugen. Es hatte genügt, dass sie in der Nähe des brennenden Hauses gewesen waren – und Uiguren. Den Sohn eines Freundes haben sie festgenommen, als er seine Mutter zum Krankenhaus begleitete, weil er stehen geblieben war, um sich den langen Demonstrationszug anzusehen. Die Mutter weiß bis heute nicht, wo er ist.“
Unser Gast sprach auch über sein Land, das durch Industrie und Ausbeutung zerstört wird. Er schilderte, wie die uigurischen Wohngebiete austrocknen, wie sich die Wüste immer weiter ausbreitet, während das kostbare Wasser für aufwändige Grünanlagen und staatliche Großvorhaben verschwendet wird. Er sprach darüber, dass Schulkinder nicht mehr Uigurisch sprechen dürfen, und über die berufliche Ausweglosigkeit junger Leute, weil alle großen Unternehmen nur Han-Chinesen einstellen. Er sprach auch über die alten Bräuche und Sagen, die in Vergessenheit geraten, weil nur chinesische Helden zählen. Weil die Schulbücher sogar historische Fakten verändern, damit die Kinder vergessen, dass sie eine uigurische Vergangenheit haben. Damit sie gute Chinesen werden und den Geboten der Kommunistischen Partei bedingungslos folgen. Auch über die religiösen Einschränkungen sprach er. Laut Verfassung herrscht zwar in China Glaubensfreiheit, doch Islamunterricht ist verboten, selbst im privaten Kreis, und alle Moscheen stehen unter strengster Überwachung. Alles wird überwacht. Immer. Immer und überall wird alles überwacht. Als Uigure fühle man sich wie in einem Gefängnis, sagte er. Und das in der eigenen Heimat!
Ich war sprachlos: Wie konnte es sein, dass solche Dinge geschehen und die Welt weiß nichts davon? Wir wissen, dass es in China mit den Menschenrechten nicht zum Besten steht, haben von dem traurigen Los der Wanderarbeiter und der Unterdrückung Tibets gehört, aber das Schicksal der Uiguren kannte kaum jemandem. Mich hat es seit diesem Abend nicht mehr losgelassen.
Irgendetwas in mir sagte: Hier hast du eine Aufgabe! Aber was konnte ich tun? Die chinesische Regierung würde wohl kaum auf mich hören, wenn ich sie zur Vernunft riefe, und eine furchtlose Kämpferin bin ich auch nicht. Aber andererseits mochte ich auch nicht einfach hinnehmen, dass ein Staat seine Bürger derartig misshandelt, während er sich nach außen hin als großartige, fortschrittliche Wirtschaftsmacht darstellt und andere Länder mit seinem Geld von sich abhängig macht. Deshalb begann ich, über die Uiguren zu schreiben.

Ingrid Widiarto wurde 1947 in Schleswig geboren, arbeitete als Übersetzerin und Sekretärin, zuletzt viele Jahre an der Freien Universität Berlin. Im Verlag Akademie der Abenteuer sind von ihr erschienen: Im Land der Uiguren, Uigurische Geschichten – Wahre Begebenheiten und Aliya und der kleine Hund. Mehr Informationen finden sich auf Ihrer Website:
https://www.uigurkultur.com/

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