Literaturhandlung

von Boris Pfeiffer

Ende der 70er saß ich zu Füßen meiner Eltern auf dem Teppich im Esszimmer und sah mit ihnen die Fernsehserie „Holocaust“. Fernsehserie klingt falsch in diesem Zusammenhang. Ich weiß, wie die Geschichte uns alle mitnahm. Ich weiß, dass mein Vater mir riet, mir jeden Teil anzuschauen. Er hätte es mir nicht raten müssen, gleichwohl ich ihm dafür dankbar bin, so sehr wollte ich wissen, was weiter geschah. Gestern habe ich mir die vier Filme noch einmal gekauft, auf DVD. Auf der Verpackung steht nicht Fernsehserie, dort steht „das bahnbrechende TV-Ereignis“. Ich habe sie in der Literaturhandlung in Berlin gekauft. Es war das erste Mal, dass ich diese wunderbare Buchhandlung betrat. Ein hoher, ein sehr hoher Raum in ungewöhnlicher Form, wie ein L mit meterhohen Regalen an jeder Wand, ein paar kultische Gegenstände darin, DVDs, Musik und vor allem Bücher ganz bis nach oben. Titel um Titel um Titel verschlang ich mit den Augen. Ich habe jeden gekauft, der mich nur entfernt interessierte, nein, ich gestehe, fast jeden. Ich habe aufgehört, die Hände nach dem nächsten Buch auszustrecken, als mich das deutliche Gefühl überkam, unverhältnismäßig zu werden. Und ich könnte ja wiederkommen, wenn ich gelesen haben werde. Die Räume der Literaturhandlung haben mich in Beschlag genommen, berührt und angefasst. Der Wille zu lesen. Die Welt zu ergreifen, zu verstehen, sie zu gestalten. Anteil zu sein und zu nehmen. Als ich zur Buchhändlerin meinte, ob ich wohl eine Menora, die aus verschiedenfarbigem bunten Metall war, fast wie ein Kinderxylophon, auch nur zur Zierde und immer wenn ich wollte als Kerzenständer benutzen dürfte, antwortete sie mir wunderbar frei von Furcht oder Zwang: „Sicher, wir sind in Berlin.“ Wenn man das erste Mal eine Buchhandlung betritt und sie einen mit ihrem Angebot erfüllt. So etwa ist es wohl zu beschreiben. So, wie es, ganz selten, auch dem Fernsehen gelingen kann. Ich sage bewusst nicht nie, ganz selten stimmt schon. Wussten Sie, dass Meryl Streep in Holocaust mitspielt? Sie wird jetzt aus manchen dieser Bücher, die ich nachhause getragen habe, plötzlich vor mir auftauchen.       

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