Lass uns rausfahren

von Anka Rahn

Artig reihen wir uns nach dem Abbiegen ein und zuckeln in Tempo 60 auf der Landstraße mit. „Sprit sparen,“ höre ich meinen Mann sagen. „Welchen Zweck hätte es sonst, in dem Tempo hinter den Autos hinterherzufahren?“ Ich muss lachen. Durch die Sprechanlage des neuen Helms drängelt sich ein leichtes Echo. Die nächste Ampel verteilt die Fahrzeuge in verschiedene Richtungen und nach Wriezen sind wir fast allein auf der Straße. 

Güstebieser Loose – einmal Anschlagen und dann auf anderen Wegen zurück. Die Idee haben doch mehr Menschen als ich vermutet habe. Anhalten, aussteigen, über die Oder schauen.  Wie schnell fließt sie? Wie hoch steht sie? – Aja. Dann wieder retour.

Eine Gruppe Jugendlicher bleibt länger. Eine Flasche Bier kreist. Ein Mädchen steht etwas abseits. Die Jungs reden weiter und schauen nur kurz rüber, als wir unsere Helme abnehmen und an ihnen vorbei zum Wasser schlendern. Die Oder fließt langsam und führt nicht zu viel und nicht zu wenig Wasser.

Auf dem letzten waagerechten Bereich der Straße, bevor die sich zum Wasser der Oder neigt und dort verschwindet, stehen die Zweiräder der Gruppe. Die kleine polnische Autofähre pausiert schon seit Monaten und braucht nun diese Anlegefläche nicht. Der Exklusivparkplatz bietet die ganze Schönheit von glänzend geputzten Ost-Mopeds dar – ein paar Schwalben, S50, sogar ein Duo. Parallel aufgestellt schauen ihre Scheinwerfer Richtung Oder. Riesige Bremsscheiben und gesteppte Sitzbänke sind nur ein minimales Indiz dafür, dass sie die materialisierte Liebe ihrer Besitzer spiegeln.

Es ist angenehm warm, fast lau.  

„Wenn die Sonne weg ist, wird es kühl.“ Die langen Schatten mahnen zur Rückkehr.

„Niemand vor uns, niemand hinter uns. Na denn!“ Vor uns liegt eine schnurgerade Allee. Mein Mann bremst behutsam ab, beugt sich vor zum Lenker. Ich greife tiefer in seine Jackentaschen, um mich festzuhalten.

Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig,… Bei der Geschwindigkeit werden wir fest aneinander gepresst. Obwohl ich ganz hinter dem breiten Fahrer-Rücken verschwinde, fällt das Atmen schwer. „Vierundzwanzig,“ flüstere ich. Wir rollen aus. Über Haralds linke Schulter erkenne ich am Horizont ein rotes Auto. Schade. Ich wäre gern noch ein Stück weiter so über den Asphalt gesaust, gejagt, geflogen – mir fehlt das richtige Wort dafür. Eine kleine gelbe Lampe in der Armatur fordert blinkend Aufmerksamkeit. „Wir müssen zu Hause an die Tankstelle.“ Aja. Ich muss wieder lachen.

Anka Rahn ist Lehrerin für Kunsterziehung und Deutsch und ehrenamtlich Leiterin der Eberswalder Boris-Pfeiffer-Schulbibliothek, und Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken Berlin-Brandenburg e.V.. Sie unterrichtet seit 30 Jahren an Grund- und Oberschulen Kunst und Deutsch, hat an mehreren Schulbüchern mitgewirkt und sammelt Aphorismen.

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