Eine Erdumdrehung

von Boris Pfeiffer

Als ich ein Junge war, trug mein Vater einen Sommer lang meinen jüngeren Bruder auf dem Arm. Mir machte das nichts aus, ich stromert alleine im Wald herum und nahm die beiden, den Mann mit der Glatze und das blonde Lichtkind auf seinen Armen, einfach ein paar Wochen als eine Art Wesen mit zwei Köpfen wahr. Bei meinen Großeltern war das schon anders, sie fluchten (ja, damals fluchte man noch!), mein Vater würde meinen Buder mir vorziehen. Aber auch das hat keinen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Gestern habe ich erfahren, dass mein Vater in dem Heim, in dem er lebt, Corona bekommen hat. Und ich war froh, als mein Bruder mir sagte, die Heimleiterin habe ihn angerufen und er könne heute in einem Ganzkörperschutzanzug zu unserem Vater gehen und ihn besuchen. Das Bild von meinem Bruder im Schutzanzug wird meinen Vater womöglich erschrecken. Das wünsche ich ihm nicht. Ich wünsche ihm, dass er sich freuen wird, meinen Bruder zu sehen. Mir kam es vor, als sähe ich bei der Vorstellung, dass sie sich treffen dürfen, ein Bild, dass sich so der Kreis der beiden ein wenig schließen könne im Geben und Empfangen zweier Menschen, die ich liebe.

Boris Pfeiffer ist einer der meistgelesenen Kinderbuchautoren Deutschlands (er schreibt z.B. die Drei ??? Kids) und Gründer des Verlags Akademie der Abenteuer. Zuletzt erschien dort zusammen mit der in Australien lebenden Malerin Michèle Meister der Gedicht- und Bildband für Erwachsene Lockdown – ein C-Movie. Ende September 2021 erschien bei Harper & Collins der erste Band seiner neuen Kinderbuchreihe SURVIVORS.

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