Das Gebrüll und das Schweigen

von Boris Pfeiffer

Als ich gestern Nacht auf Insta eins der Videos unter #allesdichtmachen angesehen habe, war ich überhaupt nicht empört. Ich habe nachdenklich reagiert, habe mich gefragt, was steckt dahinter, was sind die Beweggründe, warum fasst es mich an … Ich habe nicht alle Beiträge angeschaut und ich denke, es geht hier auch nicht um einzelne – logisch widerlegbare – Argumente in den Beiträgen. Es geht vielmehr um emotional Verstörendes, es geht um Angst, es geht um Vereinzelung, um Machtlosigkeit und um Auseinandersetzung. Es geht um Demokratie.
Wie am Morgen danach ein Sturm breitester Empörung in einem Ton der gepachtet scheinenden Anständigkeit über die Schauspieler:innen hereinbricht, wie sie nach rechts gerückt werden, verhöhnt, als dumm und unlogisch dargestellt und satte oder gar saturierte Wohlstandverwahrloste genannt werden, die über Leichen gingen, ist tatsächlich keinen Deut besser. Für mich wird hier anschaulich, wie einfach es inzwischen wird, in Fronten zu denken statt im Dialog und statt in der wie auch immer gearteten gründlichen und erhellenden Auseinandersetzung. Dass eine Gruppierung wie die AfD da als eigennütziger Trittbrettfahrer aufspringt, ist ja klar – dass aber der Großteil der demokratischen Presse und Bürger genauso einseitig reagiert, zeigt mir, wie weit die in der Pandemie entstandene Blindwütigkeit schneller und alles möglichst rasch einsortieren wollender Urteilsfällung fortgeschritten ist. Das Aushalten von Gegensätzen und unser Dialog darüber ist der demokratische Urwert, den wir brauchen.
Noch ein letztes Wort dazu. Ich war in den Monaten vor der jetzigen „Welle“ noch hier und da als Vorleser unterwegs. Ich habe so viele kritische Stimmen zum Handeln der Regierenden aus so vielen unterschiedlichen Bevölkerungsschichten gehört, wie nie zuvor in meinem Leben. Und ich will auch unsere Schauspieler:innen hören, und seien närrische Worte dabei. Denn wer den Narren mundtot machen will, ist am Ende was?

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