Reingeschnulzt

von Maria Giovanna Tassinari

Wenn ich alleine bin, schaue ich manchmal Liebeskomödien. Ich schaue sie gerne, obwohl sie manchmal aufregender als Thriller sind. Wird die Frau die Hochzeit ihres besten Freundes sabotieren oder akzeptieren können? Werden die Missverständnisse, die ein Liebespaar auseinandergebracht haben, am Ende geklärt oder nicht? Und warum besteht die junge Frau unbedingt darauf, dass ihr Freund nur ein Freund ist, während es so offensichtlich ist, dass er sie liebt? Wirklich anstrengend!
Obwohl es Filme sind, bei denen man sofort erkennt, wer mit wem am Ende ein Paar sein wird – mein Mann erkennt es mit einem Blick, wenn er vom Badminton nach Hause kommt und mich beim Schauen überrascht –rege ich mich trotzdem manchmal so auf, dass ich die Liebeskomödien, wie mein Freund Enrico die Fußballspiele von Juve, nur dann schauen kann, wenn ich weiß, wie es endet.
Vor einigen Wochen habe ich beim Browsen auf Netflix eine Serie gefunden, Virgin River, in der eine junge Frau, Krankenschwester und Hebamme, in ein kleines Dorf, eben Virgin River, kommt, um ihr Leben neu anzufangen. Natürlich begegnet sie einem Mann, ehemaliger Marine und Besitzer der einzigen Bar im Ort, der ihr von Anfang an hilft.
Drumherum viele anderen Geschichten: der ältere Arzt, der gar keine Krankenschwester haben will, die ihm seine Praxis auf den Kopf stellt; die Bürgermeisterin, die sich bei allem und jedem einmischt, was im Dorf passiert und so weiter und so fort…
Nach einer Folge wusste ich: Es ist, was man auf Deutsch „eine Schnulze“ nennt. (Diesen Ausdruck habe ich kennengelernt, als wir vor Jahren zu Weihnachten von Freunden zu einem Houseviewing einer deutsch-tschechischen Variante von Aschenputtel eingeladen wurden.) Also beschloss ich, nicht weiterzuschauen. Es lohnte sich nicht …
Ich weiß nicht mehr, wie es passiert ist, dass ich mir weitere Folgen angeschaut habe. Der Algorithmus war schuld, Netflix bot es mir immer wieder an. Tatsache ist, ich wurde völlig reingeschnulzt.
Ich finde das Dorfleben so beruhigend, Joggen im Wald, morgens ein Café und ein Muffin am Truck der Bäckerin, offene Türen in der Nachbarschaft, Treffen der Strickclubs in Jack’s Bar, Streit beim Canasta im Gemischtwarenladen… Ich identifiziere mich so mit einigen der Dinge, die ich sehe, dass ich kurz aufschreie, als die Krankenschwester überfallen wird oder als in einer anderen Folge vier Gläser mit Limonade verschüttet wurden.
Gestern habe ich bis zwei Uhr nachts geschaut. Siebte Folge der zweiten Season. Noch drei Folgen – dann heißt es, auf Season drei zu warten.

Maria Giovanna Tassinari leitet das Selbstlernzentrum am Sprachenzentrum der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsinteressen sind Autonomie von Lernenden und Lehrenden, Sprachlernberatung, Emotionen und Gefühle in Fremdsprachenlern- und lehrprozesse sowie in Beratungsprozessen.
Sie ist im wissenschaftlichen Board des Research Institute for Autonomy in Language Education, sowie Mitglied von Learner Autonomy Special Interest Group vom IATEFL und Autonomy Focus Group von Cercles.
Neben ihren wissenschaftlichen Publikationen hat sie auch einen privaten Blog.

https://www.sprachenzentrum.fu-berlin.de/slz/index.html
https://lasig.iatefl.org/
https://kuis.kandagaigo.ac.jp/rilae/
https://bloggiovi.wordpress.com/

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