Lieber Jupp …

von Boris Pfeiffer

Das Haus steht in einer italienischen Kleinstadt, drei Stockwerke, im Garten ein Schildkrötenteich samt acht Goldfischen, Bisher haben die Schildkröten keinen gefressen. Nach der Schule kommen die Kinder mit hängenden Köpfen nachhause. „Todmüde vom Leben“, merkt ihr Vater ohne jede Ironie an. 
Am Nachmittag geht es an die Hausaufgaben. Unten im Haus ist das present perfect dran: I have already eaten my hamburger. Im ersten Stock wird die Musik der antiken Welt studiert, ihre religiösen und soziale Zwecke. Zwei Frauen, 61 und 85, lernen mit ihren Neffen und Enkeln, 14 und 11. Es gibt jede Menge Welt zu entdecken. Grammatik und grammatikalisches Wissen, Unverständnis und Nachlesen, Fragen, Langeweile, Lachen, Begreifen,  Eindringlichkeit. Derweil versuche ich die bundesrepublikanischen Rückreiseregeln von Italien nach Deutschland aufzuschlüsseln. Ich brauche keinen negativen Test zur Einreise nach Deutschland, muss diesen aber maximal 48 Stunden nach meiner Rückkehr machen lassen. Gleichzeitig darf ich die Wohnung ab Einreise für  zehn Tage nicht verlassen. Ich denke an meinen alten Kumpel Jupp. Er hat immer so kleine Männchen gemalt, mit rollenden Augen. Einmal hat er mir eine Zeichnung gemacht, auf der waren zwei solche Männchen, eins in Gelb, eins in Rot. Unter dem Gelben stand: Alles klar? Unter dem Anderen: Alles unklar? Und dann, sozusagen unter dem Bruchstrich: beides ist wichtig! Genau so, lieber Jupp, geht es mir gerade.

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