Ein Geschehen

von Boris Pfeiffer

In den Kindertagen spielte der Riese, der schon viele Namen gehabt hatte, lange und ausgiebig mit einem Zwerg. Der Zwerg war ein ausgezeichneter Waffenschmied und ein guter Sänger, und der Riese hörte dem Klang des Metalls und des blauen Feuers, in dem der Zwerg seine Waffen schlug, gerne zu, denn er bildete die Musik, zu der Zwerg sang, von den weißen Bergen, den Frauen, denen er den Kopf verdreht hatte und allem, was er sonst so über sich zu sagen hatte. Der Zwerg gefiel es, gesehen  und gehört zu werden. Im Lauf der Zeit fand der Riese heraus, dass das auch daran liegen mochte, dass der Zwerg drei Schwestern hatte, die alle größer waren als er. Seinen Vater dagegen hatte der Zwerg vor so langer Zeit verloren, dass er sich kaum noch an ihn zu erinnern vermochte und sich deswegen immer wieder das eine klare Bild in Erinnerung zu rufen trachtete, das er noch in sich spürte. Es war, wie sein Vater mit ihm auf einen Berg gestiegen war und ihm ein Papierflugzeug gebaut hatte, das er warf und das über den Hang nach unten verschwand. Später merkte der Riese auch, dass der Zwerg sehr gerne von seiner Mutter mehr geliebt werden wollte als alle die jungen Männer, die sie sich Jahr für Jahr in ihre Wohnung nahm, um dort mit ihnen zu leben. Es konnten zwei sein oder auch drei, und mit ihnen zog die Mutter umher, suchte Gräser und Pflanzen, spann ihre Gedanken und lachte viel. So wie diese Männer sie kannten, hatte der Riese herausgefunden, kannte der Zwerg seine Mutter nicht und irgendwann würde ihm sicher auch bewusst werden, dachte der Riese weiter bei sich, dass er seine Mutter so auch nie kennenlernen würde. Die Liebe war zu verschieden.
Doch was auch immer den Zwerg antrieb, die Kindheit der beiden ungleichen Freunde ging vorüber, die Wege trennten sich und jeder folgt seinem. Der Zwerg schmiedete Waffen und kämpfte und sang weiter seine Lieder und versuchte mit allem, was er konnte, Ruhm und Ehre bei den Menschen zu finden, denn er wollte gesehen werden und groß und anerkannt dastehen und geliebt sein.
Der Riese suchte sich diese und jene Arbeit, er trat heraus aus den Liedern des Zwerges, die dieser immer besonders gerne über sich gesungen hatte, wenn er darin mit einem Riesen auftrat und sagen konnte, der Riese findet mich stark.
Ab und zu sah der Riese oder hörte von dem Zwerg, wenn dieser sich hier oder dort besonders hervortat, wie er sein Lebtag getan hatte. Der Riese ging in die Berge der alten Welt, durchwanderte die Täler und Höhen, baute sich ein Haus, heiratete die klügste Frau eines der verlorenen Stämme in der Ebene zwischen den Meeren, schuf sein alltägliches Riesenwerk, in dem er sich um Land und Leute kümmerte, traf dabei gutmütige und weniger gutmütige Wesen kennen und lernte sich auszukennen.
Das Unglück geschah einige Zeit, nachdem die Mutter des Zwerges ihr Haus verkaufte, in dem der Zwerg die letzten Erinnerungen an seinen Vater hatte. Es war, als hätte der Verkauf dem Waffenkünstler diese abgeschnitten. In den Augen des Zwerges glomm von da an nur noch das eine Feuer, das er am besten kannte und in dem er sich liebte: die blaue Flamme, in der er seine Waffen aus der Welt schlug. Wo er einst versucht hatte zu lieben, wenn auch stets um geliebt zu werden, suchte er nun alleine den Krieg. Er bekämpfte die Mutter seines einzigen Kindes, er schoss Pfeile auf jede Frau, der er schöne Augen gemacht hatte, er rief die Götter an und die Richter, die ihm alle bestätigen sollten, was für ein Zwerg er sei.
Der Riese bekam davon nur einen Teil mit und bemerkte es dann doch in aller Deutlichkeit, als der Zwerg ihn aufsuchte und mit einem Morgenstern in der Hand und zwei Schwertern im Gürtel vor ihm stand. „Jetzt bist du dran, du größter Verräter“, rief der Zwerg ihm zu. „Du hast aufgehört, mit mir zu spielen, als ich noch ein kleiner Zwerg war! Jetzt bin ich der größter Zwerg von allen und der beste Waffenschmied und ich werde dich töten, denn du hast meine Gefühle mit Füßen getreten, indem du sie nicht so erwidert hast, wie ich will.“
Der Riese sah den Zwerg an. Dieser hob den Morgenstern und küsste die Stacheln auf der schweren Kugel. Er hatte jeder einen eigenen Namen gegeben: Eifersucht, Neid, Bosheit und Hass, Blutrunst, Augenausstecher, Giftzahn, Schmerzensschrei und so weiter und so weiter. Er holte aus und ließ den Morgenstern auf die Brust des Riesen zufliegen. Der Riese hob die Hand und fing die eiserne Kugel. Er rollte sie in seiner Handfläche und brach dabei alle Stacheln ab. Er zermahlte sie zwischen den Fingerkuppen zu Staub. Er nahm die Kugel aus Eisen, teilte sie in zwei und zermahlte sie ebenfalls. Er nahm die Kette aus Eisen und zermahlte jedes Glied. Er nahm den Schaft und zerrieb ihn zu Staub.
Der Zwerg zog seine Schwerter. Er sprach nun nicht mehr, er war ganz aus Krieg. Er sprang gegen den Riesen und stach zu. Der Riese ließ die Waffen des Zwerges mitsamt dem Zwerg selbst in seinen Körper gleiten. Er verfestige den Körper wieder und nahm die beiden Schwerter in sich auf, als der Zwerg hinter ihm wieder herausfiel. Der Riese ließ die Waffen aus sich zur Erde fallen, nahm sie auf und zermahlte sie. Dann ging er fort.
Der Zwerg rief etwas. Der Riese konnte es nicht hören. Der Zwerg drehte sich um, stampfte mit den Füßen auf und wollte vor den Riesen rennen und ihn erneut angreifen. Doch er schaffte es nicht vor den Riesen. Denn so war es seit allen Zeiten. Nach einem Anschlag auf einen der Riesen, sah kein Angreifer sie je wieder von Angesicht zu Angesicht. Wo auch immer es einer versuchte, es gab nur noch den Rücken des Riesen zu sehen. Darüber hinaus war dieser von der Welt verschwunden.

Boris Pfeiffer ist einer der meistgelesenen Kinderbuchautoren Deutschlands, sein Werk in viele Sprachen übersetzt. Im Verlag Akademie der Abenteuer erscheint seine (dem Verlag den Namen gebende) fantasievolle und mitreißende Buchreihe um die Magie des Wissens und die Macht des Geldes Akademie der Abenteuer. Zuletzt erschien zusammen mit der in Australien lebenden Malerin Michèle Meister der Gedichtband Lockdown – ein C-Movie.

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