Eisdieleninvasion

von Boris Pfeiffer

Wenn wir genug gearbeitet haben, also zum Beispiel am Samstag Nachmittag, sehen wir uns an und fragen den anderen: Wozu hast Du Lust? Wir sind beide nicht mehr 20 oder 30 oder 40 oder 50, ja, es kommen sogar noch ein paar Jährchen hinzu. Also, diese geheimen Seiten des wild aneinandergeklammerten Nachmittags sind vielleicht wirklich etwas seltener geworden. Dafür hat der Blick in die Welt aber zugenommen. Wir fassen uns dann an der Hand und schlendern die Uhlandstraße entlang. Es ist dann, als würden wir direkt vom Strand aus schwimmen gehen. Zwischen den Häusern hallen die Stimmen der Kinder und die ihrer Mütter. Je jünger die Mütter, desto aufgeregter klingen sie. Väter sind nur mitunter dabei. Männer in der Kneipe sind aber immer viele zu sehen (aber die sind älter als die erwartbaren Väter der Kinder der jungen Mütter). Uhland hat mal gesagt oder soll es zumindest getan haben: Die Welt wird schöner mit jedem Tag, man weiß nicht, was noch werden mag, das Blühen will nicht enden.  Allerdings auch: Der Blick des Forschers fand nicht selten mehr, als er zu finden wünschte. Also, ich denke, auch wenn er bis auf den Straßennamen vergessen ist, blöde war er nicht, der Uhland. Noch besser gefällt mir aber:

Ich bitt euch, teure Sänger,
Die ihr so geistlich singt,
Führt diesen Ton nicht länger,
So fromm er euch gelingt!
Will einer merken lassen,
Dass er mit Gott es hält,
So muss er keck erfassen
Die arge, böse Welt.

Doch sei jeder sich und Uhland nun in einmaliger Zweisamkeit überlassen. Uns wird die Uhlandstraße zum Strand, der Spaziergang zum Schwimmen im Meer. Was trifft man hier neu in den Wogen? Seit dem neuerlichen Down des Lockdowns, wenn auch womöglich dunkel verknüpft mit dem Warten auf Delta, jede Menge Eisdielen. Angefangen hat es in der Gegend mit dem Eckladen Sweet to go. Da staut sich jeden Sonnenmonat der Verkehr von früh bis spät. Mich selbst hat das Eis dort noch nicht umgehauen, ich bin aber auch standfest verwöhnt aus Italien und mir schlägt der hohe Zuckerduft an der Straßenecke eher auf dem Magen als mich anzulocken. Auch da halte ich es jedoch gelassen mit Uhland:

Ich liebe sie, sie liebet mich,
Doch keines sagt: „Ich liebe dich!“

Seit dem großen Erfolg dieser Eisdiele aber, die ja auch, das muss man ihr zugestehen, im Winter mit zuckersüßen Buttercrumbles im Glas zu punkten weiß, hat der Einzug der anderen Eisdielen begonnen. An jeder Ecke eine. Eine von ihnen, die erste Neue, ist ganz positiv gemeint wirklich den Eisgeschmack verlebendige beste Konkurrenz: Bei Mama Laura schmeckt das Eis so gut wie in Berlin selten oder eher noch: unbekannt. Dann aber kamen Namen dazu, von denen ich mich frage, was Uhland zu ihnen sagen würde: Schwarzpulver und N’ice cat … (oder denke ich mir den letzten bloss aus, weil ich direkt davor im Laub einen nach seiner Mutter piependen Jungspatz sah, der aus dem Nest gefallen war? …) Namen jedenfalls … Namen über Namen, vollkommen übersonnene Namen. Wer will Schwarzpulver lecken? Oder N’ice cat? Sind das die neuen Selbstmordkommandos à la Stephen King? Und wer kommt auf so einen Namen? Geht es da um die Verballhornung des sweet to go süßen Lebens oder darum, notfalls auch eine Kunstgalerie unter demselben Namen eröffnen zu können? Wer weiß das schon. Ich kriege es lesend jedenfalls die Flatterbüchs und verabschiede mich mit Uhland:

Doch, was alle Freundschaft bindet, ist
wenn Geist zu Geist sich findet.

Boris Pfeiffer ist einer der meistgelesenen Kinderbuchautoren Deutschlands, sein Werk in viele Sprachen übersetzt. Im Verlag Akademie der Abenteuer erscheint seine (dem Verlag den Namen gebende) Buchreihe um die Magie des Wissen und die Macht des Geldes Akademie der Abenteuer. Zuletzt erschien zusammen mit der in Australien lebenden Malerin Michèle Meister der Gedichtband Lockdown – ein C-Movie.

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